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Einblicke in die Jenaer Stadtgeschichte

Hintergrundinformation zum folgenden Auszug aus Endemanns „Lebensaufzeichnungen“:
Endemann gewährt uns einen persönlichen Einblick in das studentische Leben in Jena Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit spürbarer Sympathie schildert er das liberale, traditionsbewusste Auftreten der Burschenschaften und kontrastiert es mit seiner zunehmend kritischen Haltung gegenüber den Corps. Zugleich zeichnet er ein lebendiges Bild eines ungezwungenen studentischen Alltags, in dem Geselligkeit und Bier eine zentrale Rolle spielten. Die Beobachtungen reichen dabei über die Studentenschaft hinaus und zeigen, wie selbstverständlich sich Studenten, Professoren und andere städtische Akteure im öffentlichen Raum begegneten.

Die Festwiese im Jenaer Paradies zum 50-jährigen Jubiläum der Burschenschaft, kolorierte Lithografie von Friedrich Wilhelm Geiling, nach 1865

Die Burschenschaftsfeier in Jena: Der Commers auf dem Marktplatz am Abend des 2. August 1883, Holzstich nach G. Broling, 1883

Studentenleben um 1860. So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage

„Die Studirenden lebten in ziemlicher Ungebundenheit und meist bescheiden. Zwar trieben die Corps verhältnißmäßig einigen Luxus, aber was wollte das heißen gegen die Erfahrungen, die ich später an Corps in Bonn machte. Es waren ihrer zwei vorhanden, noch dazu nicht zahlreich. Mit ihnen habe ich niemals in Verbindung gestanden. Ob sie nicht wußten, daß ich auch Corpsstudent gewesen, oder was sonst der Grund war, erfuhr ich nicht. Dagegen gerieth ich rasch in Verkehr mit den zwei Hauptburschenschaften; vermuthlich wegen meiner bald herausgefundenen liberalen Gesinnung. Denn auf diese hielten sie. Beide waren stattlich an Zahl und man muß sagen, ihr ganzes Wesen war frisch, jugendlich und dabei tüchtig. Ich habe vollkommen ihre Anhänglichkeit an die Tradition seit 1815 und ebenso die Anhänglichkeit der alten Burschenschafter an ihre Verbindung begreifen und schätzen gelernt, erinnere mich auch umso lieber an alles, was ich davon erfuhr, je mehr mich später das Benehmen der Corps und ihrer alten Herren angewidert hat. Ich wurde von den Germanen und Arminen häufig eingeladen und sichtlich gern gesehen. Daß sie ein nicht geringes Bewußtsein ihrer Vorzüglichkeit pflegten, durfte man wohl verzeihen. Sie hielten sich für die einzig richtigen Leute. Einer fragte mich einmal, ob es denn wahr sei, daß ich Corpsstudent gewesen, und meinte, als ich es bejahte, in seiner Naivität, das begreife er gar nicht, da ich ein so vernünftiger Mann sei. Lachend konnte ich ihn auf eine Reihe von weiteren Männern aufmerksam machen, die, obwohl im Corps gewesen, gleichfalls als vernünftige, frei denkende Männer bekannt seien. Mit der dritten weit zurückstehenden Burschenschaft Teutonia trat ich höchst selten in Berührung.

Das Benehmen aller Studenten war ungebunden, aber im Ganzen nicht unanständig. Davon war längst nicht mehr die Rede, wenn auch nach Erzählungen in Erinerung, daß sie im Schlafrock, mit langer Pfeife und Rappier bewaffnet in‘s Kolleg gingen. Nicht wenige traten schon leidlich fein auf. Aber das sah man noch häufig, daß sie Mittags und Abends an Tischen auf der Straße bei dem Bier saßen. Solches thaten gelegentlich sogar Professoren und ansehnlichste Leute, wie Böthlingk-Excellenz, auf dem Markte vor der Zeise, dem anmuthigen kleinen Kneiplokal des Rathhauses, wo man meist nichts anderes trank, als weißen Kreo[?] oder rothen Krollo, Naumburger Gewächs, und sich mit dem originellen, humoristischen Wirth unterhielt. Selbst die Offiziere verkehrten da zum Frühschöppchen.“

Transkription: Achim Blankenburg
Hintergrundtexte: Teresa Thieme

Ausblick auf den nächsten Text
Bier, Kneipen und studentische Rituale prägten das Leben in Jena im 19. Jahrhundert in besonderer Weise. Im nächsten Auszug aus den Erinnerungen Wilhelm Samuel Endemanns nimmt das „nationale Getränk“ eine zentrale Rolle ein. Mit spitzer Zunge und anschaulichen Beobachtungen schildert Endemann die einfachen Verbindungskneipen, die Trinkgewohnheiten der Studenten, die Vorlieben für Lichtenhainer Bier und die ausgelassene Festkultur in und um Jena. Der Text eröffnet nicht nur einen unterhaltsamen Blick auf studentische Lebensformen, sondern macht zugleich sichtbar, wie eng Bierkultur, Stadtgesellschaft und Universität miteinander verflochten waren. Seien Sie gespannt!

Die „Lebenserinnerungen“ von W. S. Endemann befinden sich im Eigentum von Stefan Endemann, dem wir für die Genehmigung des Abdrucks danken.

Impressum Verein für Jenaer Universitäts- und Stadtgeschichte Jena