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Der Rechtswissenschaftler Wilhelm Samuel Endemann in Jena

Der erste Auszug stammt aus den Lebenserinnerungen Wilhelm Samuel Endemanns (1825–1899). Endemann verbrachte einen prägenden Abschnitt seines Lebens in Jena, wo er ab 1862 als ordentlicher Professor der Rechtswissenschaft wirkte. An der Jenaer Universität lehrte er vor allem Handels- und Zivilprozessrecht sowie Rechts- und Wirtschaftsgeschichte. Er verband seine akademische Tätigkeit eng mit der Praxis als Oberappellationsgerichtsrat am Jenaer Oberappellationsgericht. Durch seine wiederholte Wahl zum Rektor der Universität – etwa 1864 und 1872 – gehörte Endemann zu den führenden Persönlichkeiten des akademischen und öffentlichen Lebens der Stadt. Als Mitglied der Nationalliberalen Partei (linker Flügel) saß er im Reichstag des Norddeutschen Bundes, wo er den Wahlkreis Schwarzburg-Rudolstadt vertrat. Zudem war er nach der Reichsgründung auch Abgeordneter im ersten Reichstag des Deutschen Kaiserreichs, bevor er sich später wegen des Niedergangs seiner Partei ganz aus der Politik zurückzog. Zudem war er seit 1867 Mitglied der Norddeutschen Bundeskommission für Zivilprozessrecht.

Quelle: Haunfelder, Bernd/Pollmann, Klaus Erich (Bearb.): Reichstag des Norddeutschen Bundes 1867-1870. Historische Photographien und biographisches Handbuch, Düsseldorf 1989, S. 114.

Jena aus Endemanns Perspektive

Im Jahr 1862 kam Wilhelm Samuel Endemann nach Jena. Von Anfang an hatte die Stadt für ihn ihren ganz eigenen Charme. Die kleine, äußerlich bescheidene Universitätsstadt lag idyllisch im Saaletal, fern vom Lärm der großen Welt, dafür reich an natürlicher Schönheit und geistiger Anregung. Besonders die abwechslungsreiche, wildromantische Umgebung zog Endemann immer wieder hinaus und wurde ihm zur eigentlichen Quelle seiner Begeisterung für Jena.

Im selben Jahr wie Endemann kam auch der Zoologe Ernst Haeckel nach Jena; ab 1863 wohnten sie sogar im selben Haus. Sie kannten sich und teilten die Leidenschaft für lange Wanderungen in der Umgebung Jenas, auch wenn keine gemeinsamen Wanderungen bezeugt sind. Endemann schildert, wie es ihn in jeder freien Minute auf steinige, oft beschwerliche Wege über Höhen und Täler zog und ihm kaum ein Pfad verborgen blieb. Haeckel verband seine Wanderlust mit Kraft, Ausdauer und oft langen, anspruchsvollen Touren weit über Jena hinaus, die ihm als Ausgleich zur wissenschaftlichen Arbeit dienten. Während Endemann die Landschaft vor allem ästhetisch erlebte, nahm Haeckel sie körperlich intensiv wahr und teilte diese Leidenschaft mit Freunden und seiner Frau. Die Erinnerungen Endemanns zeigen zudem, dass die Gegend um Jena damals nur wenige geschlossene Waldflächen aufwies und stattdessen von „kahlen Kalkhöhen“ geprägt war, was das Wandern zugleich reizvoll, aber auch anstrengend machte.

Jena von Osten, Farblithografie von Friedrich Wilhelm Geiling, 1865 (Quelle: Städtische Museen Jena/Stadtmuseum Jena)

Jena von Westen, Farblithografie von Friedrich Wilhelm Geiling, 1852 (Quelle: Städtische Museen Jena/Stadtmuseum Jena)


Jena um 1860 – Auszug aus den „Lebenserinnerungen“ von Wilhelm Samuel Endemann

„Jena rasch lieb zu gewinnen fiel nicht schwer. Die Stadt und die Gegend verdienen es, nicht minder die Menschen, unter denen wir lebten.

Die berühmte Universitätsstadt war damals noch ohne unmittelbare Eisenbahnanbindung, von den Stationen Apolda oder Weimar der Thüringer Bahn zwei, bzw. vier Stunden entfernt. Wenn man von diesen über das kahle, langweilige Plateau, das Schlachtfeld von 1806, gefahren, oder – wer weiß, wie oft das meinerseits geschehen? – zu Fuße gewandert war, bot schon der Eintritt in das lange Mühlthal und vollends von dem Rande der Höhe der Einblick in das Saalethal eine entzückende Ueberraschung. So lag die kleine Stadt, nicht ganz 10,000 Einwohner zählend, eingebettet zwischen die Berge, oder richtiger gesagt, den Abstürzen des Plateaus gegen die Saale hin, von Grün umgeben, in idyllischer Ruhe, fern von dem Großgetriebe der Welt, überall mit Reizen der Natur ausgestattet, geschaffen zu anregend wissenschaftlichem und geselligem Leben. Als Stadt dem äußeren Eindruck nach damals höchst bescheiden. Enge Straßen, fast lauter einfache, ältere bürgerliche Häuser, ohne Verzierungen oder antiquarische Schönheiten. Die paar neueren, modischern Wohnplätze waren leicht aufzuzählen. Von dem Kranz der Villen, der sich nachher – seit Mitte der 70er Jahre – an den nächsten Hügellehnen hinaufgezogen hat, noch keine Ahnung. Das Universitätsgebäude, nach dem Jubiläum von 1858 an der schönsten Promenade gelegen, hatte der unvergleichliche Baumeister Spittel aus ein paar ordinären Bürgerhäusern zusammengebaut; desgleichen das gegenüber liegende, stattlich aussehende, nur durch zwei von dem Großherzog, der hie und da auch Architektur machte, erfundene unpassende Eingänge verzierte Bibliothekgebäude aus einem alten Lagerhaus. Die Kliniken ein Konglomerat von allerlei gewöhnlichen Häusern, das chemische Institut unbeschreiblich dürftig u. s. w. Und doch ging es damit. Um die Mittelstadt herum eine hübsche Promenade, das Paradis an der Saale, der nahe Prinzessinnengarten, der einst Göthe entzückte und den in klassischer Erinnerung d. Großherzog sehr hoch hielt, das alles bot schon am Orte selbst Reize genug dar.“

Der Fürstengraben mit Pulverturm in Jena von Westen, Lithografie von Johann Friedrich Carl Hirsch, um 1860 (Quelle: Städtische Museen Jena/Stadtmuseum Jena)

Gegend bey den Prinzessinn-Garten. Vormals Griesbachs Garten, Radierung von Christian Carl Ludwig Hess, 1831 (Quelle: Städtische Museen Jena/Stadtmuseum Jena)

„Aber dazu nun die wunderbare, einzig schöne Umgebung. Nie habe ich sie über den Rhein mit seinen berühmteren Schönheiten vergessen. Das Thal der Saale, ein tiefer Einriß in die weite Hochfläche des Landes mit einer Menge von Nebeneinrissen, die Seitenthäler darstellen, zeigt eine unvergleichliche Menge von Abwechslung. Die steilen Abhänge, die scharfen Schneisen, spitzen Endpunkte der letztern, unfern Jena‘s die von den Ruinen der Kunitz- und der Lobedaburg gekrönten, der Fuchsthurmberg, der kühne Jenzig, auf der linken Seite die Reihe von Höhen, Landgrafenberg, Forst, die Höhe von Osmaritz u. s. w. sind so vielgestaltig, und ebenso die zwischenliegenden Thaleinschnitte, sammt ihren Bächen, den malerisch gelegenen Dörfern, daß man lange braucht, um alles auszukennen. Ich habe es auskennen gelernt. Wenn ich irgend freie Zeit hatte, trieb es mich hinaus. In dem Umkreis einer Meile [7½ Kilometer] ist mir gewiß kein breiterer oder engerer Weg, mochte er noch so steinig, heiß, schmal sein, kein schöner Platz verborgen geblieben. Ich wurde als Läufer durch dick und dünn, über Berg und Thal, ohne viel nach Pfad zu fragen, neben einzelnen anderen fast berüchtigt. Das Einzige, was auszusetzen blieb, war der Mangel ansehnlichen Waldes in nächster Nähe. Um den zu finden, am besten noch im Westen über den Forst hinaus, bedurfte es schon einer längeren Wanderung. Die Berge um die Stadt herum sind kahle Kalkhöhen, deren Vegetation zerstört war und deren Beschaffenheit erst sehr allmählich den Aufwuchs wenigstens einer Graßnarbe und etlicher Sträucher gestattete, die Anhöhe[?] die Anpflanzung selbst nur dürrer Kiefern sehr erschwerte. Für die Kahlheit wurde man indessen nicht selten durch zauberhafte Lichteffekte bei Sonnenuntergang, Gewittern u. s. w. entschädigt, Effekte, wie ich sie nie vorher gesehen hatte. Aus dem Munde eines Kundigen hörte ich einst, daß ihn die Gegend, zumal bei solch absonderlicher Beleuchtung lebhaft an Aussichten im Atlas [Atlasgebirge] erinnere.“

Blick auf Jenzig, Hufeisen, Kunitzburg und Umgebung, Aquarell von Ernst
Haeckel, 1862 (Quelle: Städtische Museen Jena/Stadtmuseum Jena)

„Die Kahlheit der Berge erregt im Sommer eine Wiederstrahlung der Sonne, durch welche die Hitze und der Staub auf den nur mit Kalkstein behandelten Wegen höchst lästig wird. Umgekehrt werden bei nassem Wetter die Wege, selbst die breiten Landstraßen zu Sammlungen von Kalkschlamm. Darüber war oft genug von uns, die wir an das anders geartete hessische Material gewöhnt waren, zu klagen. Das Klima wechselt sehr. Während es im Sommer häufig unerträglich heiß erschien, wie selbst ein zur Lungenkur anwesender Indier fand, genossen wir im Winter mitunter schärfste Kälte. So namentlich 1870 auf 1871 zweimal fast 25 Grad R. [= -32° C] unter Null! Indessen ließ sich das alles ertragen.“


Egokument, Seite 2
Egodokument, Seite 3
5

Die „Lebenserinnerungen“ von W. S. Endemann befinden sich im Eigentum von Stefan Endemann, dem wir für die Genehmigung des Abdrucks danken.


Ausblick auf den nächsten Text

In seinen „Lebenserinnerungen“ entwirft Wilhelm Samuel Endemann ein lebendiges Bild des Studentenlebens um 1860. Endemanns Beobachtungen öffnen einen Blick auf das akademische Milieu seiner Zeit sowie auf Formen studentischer Lebensweise, deren Spannungen zwischen Tradition, Geselligkeit und politischer Haltung sichtbar werden.


Transkription: Achim Blankenburg

Texte: Teresa Thieme

Die Anfänge des Romantikerhauses in Jena vor der Wende – Teil 1

Foto: Constanze Roth

Dieser Text beruht auf einem Interview im Frühsommer 2020 mit der Kunsthistorikerin Maria Schmid, die das heutige Literaturmuseum seit seinem Aufbau bis 1998 leitete. Persönliche Aussagen sind kursiv markiert.


Auf der Suche nach einem neuen Ort für das Stadtmuseum und die Kunstsammlung Jena findet Maria Schmid das Romantikerhaus. Doch beginnen wir die Geschichte von vorn zu erzählen:


Als Maria Schmid 1961 als junge Kunsthistorikerin nach Jena kommt, um die Leitung des Stadtmuseums zu übernehmen, werden Teil der Sammlung des Stadtmuseums noch im „Prinzessinnenschlösschen“, dem ehemaligen Gartenhaus der bekannten Jenaer Professorenfamilie Griesbach, präsentiert. Sie erinnert sich im Interview an eine wunderschöne Ausstellung über Kunstwerke aus dem privaten Besitz der Universitätsangehörigen. Die Immobilie im Zentrum unweit des Planetariums gehört jedoch der Carl-Zeiss-Stiftung. Diese beschließt 1964 den Umzug des Optischen Museums in das Griesbachsche Gartenhaus. Die aktuelle Ausstellung wird abgebrochen und es beginnt eine langjährige Odyssee auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten für das Stadtmuseum. Provisorische Stationen sind ein kleines Büro, schäbige Depoträume einer Jenaer Baufirma und das „Timlersche Haus“ am Eichplatz. Dort gab es zwar wenig Platz (es waren nur zwei große Räume), aber trotzdem guten Besuch.

Es gehört zu Maria Schmids Aufgabe, ein neues, passendes Quartier für Stadtmuseum und Kunstsammlung zu finden. Dafür waren gewisse Kriterien der Stadt zu berücksichtigen: es wurden etwa 800 qm für eine angemessene Präsentation benötigt und es durfte kein potentielles Wohnhaus umgenutzt werden, da die boomenden ZEISS-Werke jeden verfügbaren Wohnraum für ihre Arbeiter brauchten und die Neubauten in Lobeda gerade erst entstanden. Die engagierte Museumsleiterin unterbreitet der Stadt viele Vorschläge, doch keiner wird ausreichend unterstützt. Im gleichen Zeitraum wird das Jenaer Zentrum abgerissen. Ein Vorgang, der auf Entscheidungen der Parteizentralen in Berlin und Gera zurückzuführen ist und von der Kunsthistorikerin als eine ganz, ganz schlimme Zeit wahrgenommen wird, weil du gegen die irrsinnigen Pläne nichts machen konntest. Vorübergehend steht sogar die Zerstörung des Collegium Jenense zur Diskussion.

Schließlich kristallisiert sich in den 1970er Jahren „die Göhre“ als eigenständige Bleibe für das neue Stadtmuseum heraus. Die ersten Planungen für den Umzug beginnen. Maria Schmid entwickelte in der Zwischenzeit das Bedürfnis, die Kunstsammlung aus dem Stadtmuseum herauszulösen, da sie der Sammlung einen eigenen Charakter zuschreibt. Doch wo können die Grafiken, Malereien und Plastiken gezeigt werden? Da gerät das einstige Wohnhaus Johann Gottlieb Fichtes in den Fokus. Errichtet im Jahr 1669 ist es ein baukulturelles und historisches Kleinod der Stadt – und vom Abriss bedroht. Die neue Fernheizung soll hier entlangführen. Bei einer Begehung des Hauses im Jahr 1978 kommt Maria Schmid zu dem Ergebnis, dass sich in den Räumlichkeiten tatsächlich ein Ausstellungsrundgang einrichten ließe. Warum sollte man also diesen einmaligen originalen Wirkungsort der deutschen Frühromantik zerstören?

Widerspruch beginnt sich zu regen, sogar bis nach Berlin. Die hauptstädtische Denkmalpflege positioniert sich zugunsten einer Erhaltung, beispielsweise als Gedenkstätte. Für den Philosophen Johann Gottlieb Fichte gibt es diese bereits im sächsischen Rammenau, auch für den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel in Berlin, nur für das weltweit einzigartige Phänomen der Frühromantik gibt es keine. Jena und das Wohnhaus scheinen der geeignete Ort dafür zu sein, was auch die Jenaer Universität befürwortet. Schließlich finden Stadt und Universität einen Kompromiss: Das Haus wird gleichzeitig die Kunstsammlung der Stadt beherbergen und zur Gedenkstätte der deutschen Frühromantik.

Doch bevor es soweit ist, müssen zahlreiche Steine aus dem Weg geräumt werden – konkreter: Unmengen von Müll und Bauschutt entsorgt werden. Wie aus dem kaum noch zu bewohnenden Haus mit einem zugemüllten HO-Lager im Erdgeschoss eine ausstrahlende Kulturinstitution mit künstlerischen Ausstellungen in Jena wird, ist an dieser Stelle demnächst im zweiten Teil des Beitrags zu lesen.

Autoren: Constanze Roth & Claudia Häfner

Impressum Verein für Jenaer Universitäts- und Stadtgeschichte Jena